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Stand: 20.08.2026 • 17:43 Uhr
Finanzielle Sorgen, angespannter Wohnungsmarkt und Druck im Berufsleben: Immer mehr Auszubildenden macht das zu schaffen, so der aktuelle Ausbildungsreport des DGB. Der Gewerkschaftsbund sieht die Politik in der Pflicht.
Darja Grabow ist Auszubildende in einer Schreinerei in Meersburg am Bodensee. Rund 1.000 Euro brutto verdient sie im zweiten Lehrjahr. Nicht wenig im Vergleich zu anderen Ausbildungsberufen - aber knapp, wenn man auf Inflation, die angespannte Lage auf dem Wohnungsmarkt und generell steigende Lebenserhaltungskosten schaut. "Man merkt schon, wie viel Nebenkosten anstehen bei der Ausbildung an sich", sagt Grabow. "Ich finde, Azubis verdienen nicht ganz so viel, wie man sich das immer so vorstellt." Ausgerechnet jetzt will das Land-Baden Württemberg bei den Zuschüssen für Azubis sparen. Nach SWR-Informationen sollen die Wohnzuschüsse, die es bisher in vielen Ausbildungsberufen gab, wegfallen. Betroffen sind Azubis, die mehr als zwei Stunden Fahrtzeit vom Wohnort entfernt auf eine Berufsschule gehen müssen. Auch der Betrieb in Meersburg ist betroffen - ein Unding für Chef Sebastian Schmäh. "Ich habe echt gedacht, das darf jetzt nicht wahr sein", sagt er. Für seine Zimmerer-Azubis gebe es etwa im zweiten und dritten Lehrjahr gar keine andere Möglichkeit als auf die weit entfernte Holzbau-Spezialschule in Biberach zu gehen. Fallen für sie die Zuschüsse für einen Platz im Schülerwohnheim weg, seien das schnell Mehrbelastungen von bis zu 3.000 Euro pro Schüler und Jahr. Auch Darja Grabow würde es hart treffen, wenn sie plötzlich deutlich weniger Geld in der Haushaltskasse hätte. "Dann müsste ich im Supermarkt schon auch überlegen, zu welchem Produkt ich greife und wo man dann Abstriche machen kann." Der Fall aus Baden-Württemberg passt ins Gesamtbild: Laut dem aktuellen Ausbildungsreport des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB) gibt jeder zweite Auszubildende in einer Befragung an, psychisch belastet zu sein. Der häufigste Grund: finanzielle Sorgen (49,9 Prozent), gefolgt von der Wohnsituation (35 Prozent). Erst dann kommen ausbildungsbedingte Faktoren wie Leistungs- und Zeitdruck (20,9 Prozent), Personalmangel (19,6 Prozent) und Verantwortungsdruck (19,2 Prozent). Der DGB fordert, in allen Bereichen nachzubessern. "Die Alarmglocken schrillen laut und deutlich", sagt DGB-Bundesjugendsekretärin Nina Krüger. Es brauche etwa bessere Fort- und Weiterbildungen für Ausbilderinnen und Ausbilder in den Betrieben, aber auch zum Beispiel mehr Wohnheime. "Wir müssen die finanzielle Belastung für Auszubildende dringend abbauen", fordert Krüger. Auch Lisa Kühn aus Stuttgart beobachtet, dass der mentale Druck auf Azubis steigt. Und nicht erst seit kurzem: Schon in ihrer eigenen Ausbildung zur Hotelfachfrau vor vielen Jahren sei viel schiefgelaufen, sagt die heute 33-Jährige. Aus ihren eigenen Erfahrungen heraus hat sie sich selbstständig gemacht, arbeitet jetzt als Trainerin, speziell für Azubis. "Ich rate den Azubis immer sehr gerne, dass sie sich nicht alleine durch den ganzen Dschungel durchkämpfen, sondern dass sie sich mit Gleichgesinnten verbinden", erzählt Kühn. Azubis müssten gemeinsam dafür einstehen, dass sie ein Recht auf eine gute Ausbildung haben. Denn auch viele Unternehmen hätten noch Luft nach oben. "Generell finde ich, dass sich Unternehmen auch mehr trauen sollten, in die Ausbildung und in ihren Nachwuchs zu investieren." Eine gute Begleitung der jungen Menschen durch die Ausbildung sei entscheidend, hierfür brauche es geschulte Betreuer mit ausreichend Zeit. Zu viele Azubis seien immer noch auf sich alleine gestellt. "Das funktioniert auf Dauer auch nicht." Tatsächlich: Wird die Betreuungssituation als gut empfunden, fühlen sich nur 8,5 Prozent der befragten Azubis hoch belastet. Aber: 41,7 Prozent der Befragten sagt auch, es gebe niemanden, mit dem sie über ihre Belastungen sprechen könnten. Auch Daniela Aigeldinger war nicht zufrieden in ihrer Ausbildung zur Großhandelskauffrau und hat bei Trainerin Kühn Hilfe gesucht. Seit zwei Monaten ist die 19-Jährige fertig mit ihrer Ausbildung. Aber in dem Beruf arbeiten will sie nicht. Sie habe die Ausbildung gewählt, weil sie dachte, Kauffrau sei etwas Sicheres für die Zukunft. Doch wirklich glücklich sei sie nie gewesen, sagt Aigeldinger. Lange dachte sie, das sei eben so. Sie habe schließlich von den Erwachsenen in ihrem Umfeld oft gehört, dass sie ihren Job hassten. "Ich habe immer gedacht, es ist das Normalste der Welt, dass man seinen Job nicht mag", erzählt Aigeldinger. Im Training habe sie erkannt, dass das nicht der Weg sein könne. Und macht jetzt etwas ganz anderes: Sie ist Berufsreiterin auf einem Reiterhof. Und glücklich. Das baden-württembergische Kultusministerium will nach einer Welle von Kritik die geplanten Streichungen für Azubis doch noch einmal überprüfen. Man stehe im Austausch mit den Branchenverbänden. Viel Zeit bleibt nicht: Die Wohnzuschüsse sollen bereits zum neuen Lehrjahr im September wegfallen. Kommen die Streichungen doch, überlegt Holzbauer Sebastian Schmäh, die Mehrkosten für seine Azubis aus eigener Tasche zu zahlen. Das können jedoch längst nicht alle Ausbildungsbetriebe - und der finanzielle wie mentale Druck auf Azubis würde weiter steigen.3.000 Euro mehr Belastung im Jahr
Finanzielle Sorgen und Wohnungsmarkt
"Die Alarmglocken schrillen deutlich"
Zu wenige Anlaufpunkte für mental belastete Azubis
Gute Betreuung als Schlüssel
Streichungen doch wieder auf dem Prüfstand