< Back to Lunar News DE front page

So arbeitet das IOC an Russlands Rückkehr in den Weltsport

Original source (on modern site) | Article images: [1] [2] [3]

Stand: 08.10.2026 • 17:18 Uhr

Seit dem Sommer ist Russland zurück auf der internationalen Sportbühne. Das IOC hat die Sperre aufgehoben, Weltverbände geben Flagge und Hymne zurück, und hinter den Kulissen arbeitet das IOC daran, dass russische Athleten überall einreisen können.

Michail Mamiaschwili hat lange auf diesen Herbst gewartet. Ende Oktober ringen seine Athleten bei der Weltmeisterschaft in Astana wieder unter russischer Flagge, zum ersten Mal bei einer WM seit 2019. "Mit der Flagge unseres großartigen Landes", sagt der Präsident des russischen Ringerverbands. Er hofft, dass auf dem Podium auch die Hymne erklingt. Die Jahre davor habe es "künstlich geschaffene Beschränkungen" gegeben, die er für rechtswidrig hält.

Mamiaschwili, Olympiasieger von Seoul 1988 und Oberst a. D. der russischen Armee, sitzt im Exekutivkomitee des Russischen Olympischen Komitees (ROC). Die Flagge hat der Ringer-Weltverband UWW Russland schon im Mai zurückgegeben. Den Weg für den ganzen russischen Sport machte das Internationale Olympische Komitee schließlich am 7. Juli frei.

Was das IOC beschlossen hat

An jenem Tag hob das IOC die Suspendierung des ROC auf, "vorläufig", wie es hieß. Zugleich erklärte es seine Empfehlungen an die internationalen Fachverbände, die seit 2023 galten, für "nicht mehr anwendbar". Diese hatten vorgesehen, dass russische Athletinnen und Athleten nur neutral starten durften und Soldaten sowie Unterstützer des Krieges in der Ukraine ausgeschlossen blieben. Nun entscheiden die Weltverbände selbst, wer starten darf und ob sie Flagge und Hymne zulassen.

Der russische Sportminister und Chef des russischen Olympiakomittees Michail Degtjarjow

Das ROC kann zudem eine Mannschaft zu den Olympischen Spielen 2028 in Los Angeles schicken. Über die russische Flagge bei Olympia will das IOC "zu gegebener Zeit" entscheiden. Die Qualifikation für Los Angeles habe begonnen, sagt das IOC, alle Athleten müssten gleichen Zugang haben. "Wir wollen Athleten nicht für das Handeln ihrer Regierungen verantwortlich machen", so IOC-Präsidentin Kirsty Coventry.

Zwei Entwicklungen hatten zuvor Druck auf das IOC aufgebaut. Der Sportgerichtshof CAS hatte pauschale Ausschlüsse russischer Athleten im Tischtennis und im Skisport gekippt. Unter den Verbänden wuchs die Sorge, Russland könne sich die Qualifikation für Los Angeles vor Gericht erstreiten. Und Moskau drohte selbst. Sportminister Michail Degtjarjow kündigte Klagen vor Schweizer Gerichten an und bezifferte den Schaden auf bis zu eine halbe Milliarde Euro. Das Wort "vorläufig" hält Degtjarjow deshalb nun für Makulatur: "Wir sind vollständig wiederhergestellt."

Sergej Lisin, Sportjournalist in Moskau und Berater russischer Athleten, sieht in der IOC-Entscheidung kein Zugeständnis. Das IOC überlasse die Zulassung den Verbänden und zwinge keinen von ihnen dazu. "Es hätte ja erklären können, dass die Verbände, die russische Sportler nicht vollständig zulassen, mit ihren Sportarten nicht mehr im Programm der Olympischen Spiele vertreten sind", sagt Lisin. "Aber das IOC hat das nicht getan."

Russischer Ringerpräsident "nicht im Bilde"

Suspendiert hatte das IOC das ROC 2023, weil es die Sportorganisationen der besetzten ukrainischen Gebiete Donezk, Luhansk, Saporischschja und Cherson aufgenommen hatte. Im Dezember 2024, anderthalb Jahre vor der IOC-Entscheidung, strich das ROC alle regionalen Olympischen Räte aus seiner Satzung. Zugleich verschwand dort die Formulierung, das ROC sei auf dem gesamten Territorium der Russischen Föderation tätig. Dass dem ROC seit Jahren auch der Olympische Rat der 2014 annektierten Krim angehörte, hatte das IOC nie beanstandet.

Der Präsident des russischen Ringerverbandes Michail Mamiaschwili

Im Juli verwies das IOC in seiner Pressemitteilung auf eine Zusage des ROC: Man werde in den vier besetzten Gebieten nicht tätig sein. In welcher Form das ROC sie gab, sagt das IOC nicht. Mamiaschwili weiß von der Zusage nach eigenen Worten nichts. "Ich bin, gelinde gesagt, nicht im Bilde."

Ob sein Verband in den Gebieten aktiv ist? "In diesen Gebieten finden regionale Wettkämpfe unter der Schirmherrschaft der regionalen Verbände statt. Dort läuft der Trainingsbetrieb. Die Athleten kommen in die gesamtrussischen Wettkämpfe." Größere Veranstaltungen seien dort noch nicht sicher genug. "Ich bin überzeugt, das ist eine Frage der Zeit." Formal spricht er von den Fachverbänden, nicht vom ROC. Doch die Fachverbände sind Mitglieder des ROC. Ob die Zusage auch für sie gilt, ist offen.

Der Flickenteppich im internationalen Sport

Im Sport ist die russische Rückkehr längst sichtbar. Russlands Fechter hörten bei ihrer WM in Hongkong wieder ihre Hymne, die Boxer bei ihren Titelkämpfen ebenfalls. Bei der EM in Bulgarien, einem Land der EU, holten sie sieben Goldmedaillen. Russische Schwimmer nahmen an ihrer EM hingegen nur als neutrale Athleten teil.

"Wir sehen die unterschiedlichsten Umsetzungen", sagt Sportjournalist Lisin, "von der vollständigen Zulassung, etwa im Gewichtheben, bis zur völligen Nichtzulassung im Biathlon." Dabei hatte IOC-Präsidentin Coventry im Juli versichert: "Nein, wir erwarten keinen Flickenteppich."

Der Fall Walijewa

Wie undurchsichtig Verbände agieren, zeigt der Fall Kamila Walijewa. Im August gab ihr der Eislauf-Weltverband ISU den neutralen Status. Der ukrainische Verband protestierte umgehend: Walijewa trainiere im Klub von Tatjana Nawka, der sanktionierten Ehefrau von Kreml-Sprecher Dmitri Peskow, und habe 2022 einen Orden von Wladimir Putin erhalten.

Eiskunstläuferin Kamila Walijewa

Zugleich räumten die Ukrainer ein, ein Orden belege "für sich genommen" noch keine Unterstützung des Krieges. Im September entzog die ISU den neutralen Status: Walijewa erfülle die Bedingungen nicht mehr. Der Verband wendet demnach weiter die Kriterien an, die das IOC im Sommer außer Kraft setzte.

Visum gegen Wettkampf

Das IOC geht weiter. In einem internen Schreiben an die Weltverbände, das der Sportschau vorliegt, schreibt Sportdirektor Pierre Ducrey: Qualifikationswettkämpfe für Los Angeles sollten "nur in Ländern ausgetragen werden, deren Regierungen keinem teilnehmenden Athleten das Visum verweigern, auch keinem russischen oder belarusischen". Wo das nicht geht, bietet er Gespräche an, "von Verhandlungen über protokollarische Fragen bis zur Prüfung alternativer Qualifikationswege". Auf Fragen der Sportschau zu dem Schreiben geht das IOC nicht ein.

Seit Ende 2025 haben Verbände internationale Turniere etwa aus Estland und Polen abgezogen, weil die Gastgeber russischen Sportlern keine Visa garantieren wollten. Im August verweigerte Kroatien neun Mitgliedern der russischen Turn-Delegation, darunter zwei Olympiasiegerinnen, ein Visum zur EM in Zagreb. Das IOC signalisiert, dass man auch vor der Politik souveräner Staaten keinen Halt mache. In Moskau klingt dieselbe Botschaft wie eine Drohung. "Wir werden alle bestrafen, die unsere Sportler beleidigen", sagt Degtjarjow. Er nannte die Länder, die es treffen werde: Deutschland, das Baltikum und Polen.

Degtjarjow ist Sportminister und zugleich ROC-Präsident. Die EU setzte ihn im Sommer auf ihre Sanktionsliste, die Schweiz nicht. "Ich war in Lausanne, in der Schweiz, im Hauptquartier des IOC und bei mehreren internationalen Verbänden zu nicht-öffentlichen Verhandlungen. Die Sanktionen stören mich nicht", sagte er im russischen Fernsehen. Das IOC bestätigt, dass Mitarbeiter ihn in Lausanne getroffen haben, allerdings nicht in der Zentrale. Aus seiner Arbeitsweise macht Degtjarjow ohnehin kein Geheimnis. Schon im März 2025 berichtete er der Agentur Tass von mehr als zehn nicht öffentlichen Treffen mit Sportfunktionären binnen acht Monaten.

Endgültig ist die Rückkehr nicht. Eine Klage der Ukraine beim CAS ist anhängig. Ob und wann es zu einer Verhandlung kommt, ist offen. Degtjarjow plant trotzdem längst für Olympia 2028 in Los Angeles. "Wir haben einen Plan, die Strategie für jede Sportart, für jeden Sportler ist beschlossen", sagt er. "Wir fahren hin, ganz sicher."

< Back to Lunar News DE front page

A Lunar Project service. Powered by Mozilla Readability (Andres Rey PHP Port) and SimplePie.